Antibiotika: Gefahr für die Menschheit

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Antibiotika - Segen oder Fluch

Es ist noch gar nicht so lange her, da galten Antibiotika als Wunderwaffen der modernen Medizin. Stimmt auch, denn ohne Antibiotika wäre unser Leben bei weitem nicht so komfortabel und gesund wie es heute ist. Den Antibiotika haben wir ein gutes Stück unserer aktuellen Lebenserwartung zu verdanken. Das scheint, so der Eindruck, zunehmend in Vergessenheit zu geraten, wenn Antibiotika heute überkritisch betrachtet und mit Begriffen wie Multiresistenz, Monsterkeim, Therapieversagen, Schweinemast und MRSA belegt werden. Eine Entwicklung, die sich Fleming und Nachfolger noch vor einigen Jahrzehnten wohl nicht hätten vorstellen können. Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Antibiotika sind ihrem Erfolg zum Opfer gefallen

Nun die Antibiotika sind in gewisser Weise Opfer ihres eigenen Erfolges geworden. Sie wurden und werden immer häufiger eingesetzt, verfügen aber nur über wenige wirklich unterschiedliche Wirkmechanismen. Dadurch war es Bakterien möglich, Resistenzen gegen ein einzelnes Antibiotikum rasch auf eine ganze Antibiotikagruppe auszuweiten. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die Resistenzenzyme mit dem Namen Beta-Laktamase. Haben es Bakterien einmal gelernt, diese Resistenz-Enzyme zu bilden, steht ihnen ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem sie die ganze Antibiotika-Gruppe, zu denen Penicilline, Cefalosporine und andere gehören, unschädlich machen zu können. Die Bakterien sind also gegen eine ganze Gruppe von Antibiotika resistent geworden. Im Fall der Penicilline umfasst das mehr als 10 unterschiedliche Antibiotika, die für die Therapie von vielen Infektionen damit wertlos sind. Das ist nicht auf einen Schlag geschehen, sondern schrittweise in einem Wettlauf zwischen Bakterien und Antibiotikaforschung. Zunächst produzierten die Krankheitserreger Beta-Laktamasen, die in der Lage waren einfache Penicilline und Cefalosporine zu inaktivieren. Darauf reagierte die Forschung und entwickelte sogenannte Beta-Laktamase feste Antibiotika, denen diese einfachen Beta-Laktamasen nichts mehr anhaben konnten. Aber auch hier dauerte es nicht lange, bis die ersten Bakterien gelernt hatten, auch diese neueren Antibiotika zu knacken. Sie mussten ja nur die schon vorhandene Fähigkeit zur Bildung von Beta-Laktamasen verfeinern und anpassen. Heute können einige zu den Darmkeimen gehörende Bakterien hoch entwickelte als „Extended Spectrum Beta-Laktamasen“ (ESBL) bezeichnete Resistenzenzyme produzieren, die in der Lage sind, jedes Beta-Laktamantibiotikum zu inaktivieren. Infektionen mit solchen Keimen können nur noch mit Antibiotika behandelt werden, die über einen völlig anderen Wirkmechanismus verfügen und von den ESBL nicht angegriffen werden können. Zu diesen Antibiotika gehört die Gruppe der Chinolone. Allerdings wird auch diese Antibiotikagruppe sehr häufig verschrieben, so dass es zwischenzeitlich viele Bakterien geschafft haben, auch sie mit speziellen Resistenzenzymen zu inaktivieren. Genauso ergeht es anderen Antibiotikagruppen, die mit unterschiedlichen Wirkmechanismen neu entwickelt wurden, auch solchen, die bisher nur sehr restriktiv in bestimmten Fällen angewandt wurden. Gegen alle diese Antibiotika sind Bakterien in der Lage, Resistenzen zu entwickeln. Es ist nur eine Frage von Anwendungshäufigkeit und Zeit.

Es gibt grundsätzlich keine Antibiotika ohne Resistenzen

Der Traum der Antibiotika-Pioniere mit dem Penicillin alle Infektionsprobleme gelöst zu haben hat sich nicht bewahrheitet. Die Entwicklung neuer Antibiotika und Fähigkeit der Bakterien auch gegen diese immer besseren Antibiotika Abwehrmechanismen zu entwickeln gleicht gewissermaßen einem Hasen und Igel Spiel. Allein die Behandlung von Infektionen mit Antibiotika reicht aus, um Resistenzentwicklungen bei diesen Bakterien zu fördern. Die Forschung muss also immer neue Antibiotika entwickeln, um den Bakterien einen Schritt voraus zu sein. Das hat auch viele Jahre ganz gut geklappt. Nun ist in den letzten Jahren die Antibiotika-Forschung aus unterschiedlichen Gründen ins Stocken geraten. Das liegt auch an den enorm hohen Entwicklungskosten von Antibiotika mit neuen Wirkansatz und den dazu vergleichsweise kleinen Marktchancen, da solche innovativen Antibiotika nur ausgesprochen zurückhaltend nach strikten Regeln verordnet werden sollten. Ein anderer Grund ist in der Komplexität der Materie zu suchen. Es ist eben nicht so leicht, Moleküle mit einem völlig neuen Wirkmechanismus bei gleichzeitig guter Verträglichkeit für den Menschen zu finden. Das bedarf zeitaufwendiger intensiver Forschung.

Sorgsam mit den vorhandenen Antibiotika umgehen

Um Zeit zu gewinnen und Resistenzentwicklungen zu verzögern, ist es vor dem Hintergrund der ausgedünnten Forschungspipeline enorm wichtig, sehr sorgsam mit den vorhandenen Antibiotika umzugehen. Es sollten Antibiotika nur dort eingesetzt werden, wo sie absolut notwendig sind. Das betrifft auch die verschreibenden Ärzte, die auf keinen Fall leichtfertig mit der Verordnung von Antibiotika umgehen dürfen. Auf Anwenderseite sollte die Einsicht stehen, das verordnete Antibiotikum genau nach Anweisung einzunehmen. Auch das kann Resistenzen verhindern. Werden diese Regeln eingehalten und gelingt es den Forschern neue antibakterielle Wirkprinzipien zu entwickeln, könnte die akute Gefahr gebannt werden, dass die Menschen in naher Zukunft wieder unter Infektionen leiden, die mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht behandelt werden können. Alles andere wäre eine Katastrophe für die Menschheit und würde unseren erreichten Lebensstandard erheblich beeinflussen.

Literaturempfehlungen:

Grüne Antibiotika. Heilkräftige Medizin aus dem Pflanzenreich: Wirksame Hilfe gegen MRSA und resistente Krankenhauskeim

Antibiotika-Fibel 2019/20: Rationale Antibiotikatherapie (Die Asklepios Praxisbibliothek)

Pflanzliche Antibiotika: Geheimwaffen aus der Natur