Arzneimittel gegen Covid-19 – Welche Neuentwicklungen Menschen mit Covid helfen könnten

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Was haben wir nach mehr als zwei Jahren Corona-Pandemie nicht alles gelernt? Sicherlich auch, dass Hightech Gesellschaften wie die Deutsche ebenso wie Gesellschaften in Entwicklungsländern sehr verletzlich und hochgradig gefährdet sind durch einfachste Lebewesen wie Viren, die sich noch nicht einmal eigenständig vermehren können. Ebenfalls haben die meisten gelernt, dass Molekularbiologie, Immunologie, Medizin und Pharmaforschung in der Lage sind, schnell wirksame Impfstoffe und mit etwas Verzögerung auch Arzneimittel gegen das Virus zu entwickeln.

Also sollte doch alles gut sein und wir können in aller Ruhe das Ende der Pandemie abwarten. Weit gefehlt: Nach Ansicht nahezu aller Fachleute auf dem Gebiet der Infektiologie und Epidemiologie werden wir nicht in der Lage sein, das Virus in absehbarer Zeit auszurotten. Auch nicht wenn wir viel höhere Durchimpfungsraten hätten, als sie sich im Moment darstellen. Deshalb ist es zwingend notwendig Arzneimittel zu entwickeln, die den Krankheitsverlauf von Covid 19 erheblich abmildern oder Erkrankte vielleicht sogar heilen können.

Therapie von Covid-19 basiert auf mehreren Stützpfeilern

Die Behandlung von Covid 19 beruht im Wesentlichen auf drei Stützpfeilern. Direkte Bekämpfung des Virus durch antivirale Wirkstoffe einschließlich spezifischer Antikörper, unterstützende Behandlung durch Stabilisierung von Herz-Kreislauf, Lungenfunktion und Immunsystem, sowie die Behandlung von Long Covid. Im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen dabei antivirale Wirkstoffe, da von ihnen eine direkte Hemmung von Verbreitung und Vermehrung des Virus im Körper erwartet werden kann. Solche Medikamente sind im Gegensatz zu Antikörpern viel kleinere synthetisch hergestellte Moleküle, die die Vermehrung von Viren durch die Hemmung Virus-spezifischer Enzyme verhindern. Einige davon sind mit Stand Winter 2021/22 in Deutschland per Notfallzulassung oder auf Basis von Einzelverordnungen verfügbar.

Antivirale Wirkstoffe – Remdesivir, Molnupiravir und Nirmatrelvir/Ritonavir

Zu dieser Klasse von Medikamenten gehört das durch ausgiebige Berichterstattung in den Medien zu Weltruhm gelangte Remdesivir. Remdesivir verhindert die Vermehrung von Viren durch Hemmung eines Enzyms, das zur Vermehrung des viralen Erbguts wichtig ist. Ursprünglich wurde die Substanz zur Behandlung von Ebola entwickelt, konnte dort aber nicht überzeugen. Nach Angaben des RKI hat Remdesivir bei erwachsenen Covid-19 Patienten mit krankheitsbedingt eingeschränkter Sauerstoffversorgung einen Nutzen und verkürzt die Zeit bis zur Genesung signifikant. Bei schwer erkrankten Menschen, die beatmet werden müssen, konnte für die Substanz bisher kein Zusatznutzen gegenüber anderen Behandlungsmaßnahmen festgestellt werden.
Der antivirale Wirkstoff Molnupiravir ist ebenso wie Remdesivir ein Hemmstoff der viralen RNA-Polymerase, einem Enzym, das vom Virus benötigt wird, um seine Erbinformation zu vermehren. Eine Hemmung der RNA-Polymerase nimmt den Viren ihre Fähigkeit zur Vermehrung. Letztendlich sorgt der Wirkstoff Molnupiravir dafür, dass die virale RNA-Polymerase falsche RNA-Bausteine einbaut und es so zu einer Anhäufung von irreparablen Fehlern kommt, die eine Vermehrung des Virus verhindern. Auch Molnupiravir wurde zunächst nicht gezielt gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 entwickelt, sondern sollte ein Grippe-Medikament werden. Das Medikament kann oral verabreicht werden. Frühzeitig eingenommen können die Kapseln bei knapp der Hälfe der Fälle einen schweren Verlauf von Covid 19 verhindern. Das Medikament steht in Deutschland im Rahmen klinischer Prüfungen und Einzelfallverordnungen zur Verfügung.
Ein drittes demnächst in Deutschland zur Verfügung stehendes antivirales Medikament ist eine Kombination aus den zwei antiviralen Wirkstoffen Nirmatrelvir und Ritonavir. Nirmatrelvir ist der eigentliche antivirale Wirkstoff des Medikaments. Er hemmt eine virale Protease, die das Corona-Virus unbedingt zur Vermehrung braucht. Ist diese Protease in ihrer Funktion gehemmt, können für das Virus keine funktionsfähigen Eiweiße zurechtgeschnitten werden. Das ebenfalls in dem Medikament enthaltene Ritonavir wirkt nicht gegen SARS-CoV-2, hemmt jedoch den Abbau von Nirmatrelvir und hat somit eine wirkungssteigernde Boosterfunktion für das Medikament. Frühzeitig gegeben, können die Tabletten mit Nirmatrelvir/Ritonavir bei fast 9 von 10 Covid Patienten einen schweren Verlauf und somit eine Krankenhauseinweisung verhindern. Das Medikament hat das Potenzial, das Gesundheitswesen und Intensivstationen von schweren Krankheitsverläufen zu entlasten.

Monoklonale Antikörper

In die Klasse von antiviralen Arzneimitteln gehören ebenfalls gegen SARS-CoV-2 gerichtete monoklonale Antikörper. Dabei sind monoklonale Antikörper Produkte einer einzigen Immunmutterzelle. Sie sind in ihren Eigenschaften identisch und werden in der Regel aus Zellkulturen gewonnen, deren Ursprungszellen vom Menschen, aber auch von Ratten, Mäusen, Hamstern und Affen abstammen. Manche der Antikörper werden auch humanisiert, also mit gentechnischen Methoden menschlichen Antikörpern angeglichen. Auch können sie so verändert werden, dass sie als rekombinante Antikörper spezifische Antigenstrukturen des viralen Spikeproteins angreifen. Vier Antikörperpräparate sind in Deutschland zur Prophylaxe und Therapie von Covid-19 verfügbar. Alle müssen durch Spritze oder via Infusion verabreicht werden.

Therapeutische Antikörper

Casirivimab und Imdevimab sind rekombinante humane monoklonale Antikörper, die in Zellkulturen aus Ovarialzellen des chinesischen Hamsters gentechnologisch erzeugt werden. Der Antikörpercocktail ist in Deutschland zur Prophylaxe und Therapie von Covid-19 zugelassen. Die Behandlung mit dem Antikörpern erfolgt mit dem Ziel, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu verhindern. Nach Studienergebnissen ist die Therapie in etwa 70% der Fälle erfolgreich. Casirivimab + Imdevimab wirkt in-vitro nur sehr eingeschränkt gegen die Omikron-Variante.
Regdanvimab ist ein rekombinanter humaner monoklonaler Antikörper, der ebenfalls in Zellkulturen aus Ovarialzellen des chinesischen Hamsters erzeugt wird. Regdanvimab wird angewendet zur Behandlung von Corona-Infektionen, um einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung zu verhindern. Nach dem Ergebnis klinischer Studien verkürzt Regdanvimab im Vergleich zu Plazebo die Zeit bis zur klinischen Erholung der Patienten um knapp 5 Tage. Regdanvimab wirkt in-vitro nicht gegen die Omikron-Variante, so das Ergebnis von Labor-Untersuchungen.
Sotrovimab ist ein rekombinanter humaner monoklonaler Antikörper, der in Ovarialzellen des chinesischen Hamsters hergestellt wird. In klinischen Studien konnte das Medikament im Vergleich zu Plazebo eine Krankenhauseinweisung oder Tod des Patienten in 79% der Fälle verhindern. Sotrovimab ist das einzige verfügbare therapeutische Antikörper Medikament, das nach in-vitro Untersuchungen auch gegen die Omikron-Variante wirksam zu sein scheint.

Präventive Antikörper

Die Antikörperkombination Tixagevimab + Cilgavimab wurde von Forschern aus den USA aus B-Lymphyzyten einer von Covid genesenen Patienten isoliert. Gentechnisch verändert haben die Antikörper eine längere Wirkdauer und können nach Studiendaten Menschen 6 Monate bis zu einem Jahr vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützen. Die Antikörper eignen sich als Schutz vor einer Corona-Infektion bei Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Dazu zählen Menschen mit Immunschwäche oder solche, bei denen durch die Impfung schwerwiegende Nebenwirkungen zu erwarten sind. Für Menschen, die sich aus anderen Gründen nicht impfen lassen möchten, ist das Medikament nicht entwickelt. Das Medikament hat eine Notfallzulassung in den USA erhalten. In-Vitro Studien zeigen eine eingeschränkte Wirksamkeit der Antikörper-Kombination gegen die grassierende Omikron-Variante des Virus. 

Entwicklungsprojekte in der Forschungspipeline

Keines der bisher zur Verfügung stehenden Covid-19 Medikamente erfüllt alle Anforderungen, um als Standard-Medikament für die Covid-Therapie zu gelten. Dafür haben sie zu viele Einschränkungen und Schwächen. Weitere Fortschritte in der Therapie von Covid-19 sind von Neuentwicklungen zu erwarten.
Ensovibep ist ein künstliches hergestelltes Protein mit Antikörper-ähnlichen Eigenschaften. Das Medikament ist derzeit in der klinischen Entwicklung und soll noch im Jahr 2022 per Notfallzulassung in Deutschland zur Verfügung stehen. Der große Vorteil dieser Neuentwicklung im Kampf gegen Corona ist, dass die Substanz nur einmal intravenös verabreicht werden muss und dass sie auch gegen die Omikron-Variante des Virus wirkt. Erste klinische Studien zeigen, dass Ensovibep im Vergleich zu Plazebo in 78% der Fälle eine Krankenhauseinweisung von Covid-19 Patienten verhindern kann.
Opaganip ist ein Hemmstoff des Enzyms Sphingosinkinase-2. Dieses Enzym spielt eine wichtige Rolle in der zellulären Signalübermittlung. Der Wirkstoff wird primär in der Krebstherapie erprobt. Hier soll er das Wachstum von Krebszellen hemmen. Für die Therapie von Covid-19 ist er von Interesse, da Opaganip bestimmte Viren an der Vermehrung hemmen kann. Dazu gehört auch das Corona-Virus SARS-CoV-2. Bei schwer an Covid-19 erkrankten Menschen kann das Medikament laut einer ersten Studie das Virus schnell eliminieren und die Sterblichkeit um 62% reduzieren. Das oral zu verabreichende Medikament wirkt wahrscheinlich auch gegen die Omikron-Variante.

Fazit: Gut zwei Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie stehen nun Anfang 2022 spezifische Medikamente gegen das Virus zur Verfügung. Mit ihnen und der konsequenten Impfung aller Impfwilligen sollte es gelingen, der Pandemie ihren Schrecken zu nehmen und die Zahl der schwer erkrankten Menschen drastisch zu reduzieren.
Stand der Information: Januar 2022. Einen immer aktuellen Überblick über den Stand der Entwicklungen gibt die Seite des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller. http://www.vfa.de/corona-therapie