Knappe Arzneimittel – Globalisierung, Preisdruck, Pandemie und Krieg bedrohen Lieferketten

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Mit Ausbruch der Corona-Pandemie vor zwei Jahren wurde plötzlich ein Thema aktuell, das vorher in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet geblieben wäre: Die Versorgungssicherheit mit wichtigen Gütern, einschließlich dringend benötigter Arzneimittel.

Auch schon vor der Pandemie gab es immer mal Lieferabrisse und Lieferengpässe bei Arzneimitteln. Diese nahm außerhalb von betroffenen Firmen, Apotheken, Ärzten und Krankenhäusern aber keiner so richtig wahr, weil sie in der Regel nicht ernsthaft die Arzneimittelversorgung gefährdeten. Solche Lieferabrisse waren oft von kurzer Dauer und betrafen auch nur sehr selten alle Arzneimittel mit einem bestimmten Wirkstoff. Arzt und Apotheker konnten also immer auf Alternativen ausweichen. Das hatte sich mit der Corona-Pandemie, Produktionsproblemen bei Herstellern und zeitweiligem Ausfall einzelner Produktionsstätten und den damit verbundenen Unterbrechung von Lieferketten grundlegend geändert.

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Wichtige Medikamente zeitweise nicht lieferbar

Wer sich auf der Seite des BfArM, unserer obersten Zulassungsbehörde für Arzneimittel, über den Stand von Lieferengpässen informieren möchte, findet Anfang August 2022 mehr als 270 Meldungen zu nicht lieferbaren Fertigarzneimitteln. Darunter Fiebersäfte für Kinder mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen, wichtige Krebsmittel und Hormone einschließlich einzelnen Insulinen, Antibiotika, Asthmamedikamenten, Herzmedikamenten und anderen mehr. Nicht jede Meldung bedeutet, dass alle Medikamente eines bestimmten Wirkstoffes nicht mehr zur Verfügung stehen. Die meisten Meldungen beziehen sich auf einzelne Darreichungsformen, Packungsgrößen oder Dosisstärken. Es gibt aber auch von Lieferabrissen besonders gefährdete Arzneimittelgruppen, die zeitweise ganz auszufallen drohen. Dazu gehören häufig verordnete Antibiotika, das Krebsmittel Tamoxifen und Fiebersäfte sowie vor einigen Monaten das Narkosemittel Propofol, das es bis in die Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF geschafft hatte.

Analyse von Apothekern zeichnet düsteres Bild

Gemäß einer Analyse der ABDA, das ist die Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände, sind aktuelle und zukünftige Lieferengpässe von Arzneimitteln im Wesentlichen auf ein paar wenige Ursachen zurückzuführen. Dazu gehören:
• Kostendruck auf Arzneimittel, der durch Rabattverträge noch verschärft wird,
• Produktionsausfälle bei den wenigen verbliebenden Herstellen,
• Qualitätsprobleme einzelner Hersteller
Werden diese Problemfelder systematisch bearbeitet, könnte nach Ansicht der Apothekenverbände die Arzneimittelversorgung in Deutschland und Europa zukünftig wieder auf eine sichere und krisenfeste Basis gestellt werden. Heute ist es leider so, dass schon der Ausfall einzelner Fabriken in Asien, allen voran China und Indien, hier bei uns zu Versorgungsproblemen führen kann.

Preisdruck fördert Produktionsverlagerung nach Asien

Um auf Dauer kritische Lieferengpässe zu vermeiden, muss sich grundsätzlich an den Lieferketten für Arzneimittel etwas ändern, nicht nur für Antibiotika, Narkosemittel, Krebsmedikamente und Schmerzmitteln. Es ist auffällig, dass nahezu alle betroffenen Arzneimittel zu den sogenannten Generika gehören, es sich also um Wirkstoffe handelt, für die das Patent abgelaufen ist und die einem erheblichen Preiswettbewerb unterliegen. Die Produktion solcher Wirkstoffe ist häufig in Europa und den USA zu teuer und deshalb nach Asien, insbesondere China und Indien verlagert worden. Nach Angaben des Pharma-Verbandes ProGenerika gibt es für 93 in Europa verordneter Wirkstoffe keine Zulassungen bei europäischen Herstellern. Mehr noch, heute liegen etwa 2/3 aller Zulassungen für in der Regel patentfreie Wirkstoffe bei asiatischen Herstellern. Das hat den Vorteil, dass bei funktionierenden Lieferketten, gute Arzneimittel zu einem attraktiven Preis für den europäischen und amerikanischen Markt zur Verfügung gestellt werden können, die zusätzlich Krankenkassen und Selbstzahler finanziell entlasten. Die Nachteile dieses Systems sind während der Corona-Krise allerdings auch offenkundig geworden. Lieferabrisse aufgrund von Produktionsengpässen und unterbrochener Transportmöglichkeiten wegen des Lockdowns in China waren an der Tagesordnung. Damit aber nicht genug. Auch haben Regierungen der Herstellerländer in einigen Fällen den Export von bestimmten versorgungskritischen Arzneimitteln gestoppt, um die Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung sicher zu stellen. Das Ergebnis ist bekannt: In Deutschland und der EU waren und sind bis heute nicht zu jedem Zeitpunkt alle benötigten Arzneimittel immer verfügbar, aktuell beispielsweise Fiebersäfte für Kinder.

Produktion kritischer Arzneimittel zurück nach Europa holen

Dieses für Europa völlig ungewohnte Szenario hat Politik und Arzneimittelhersteller gleichermaßen alarmiert, zumal zukünftige Lieferengpässe auch wegen Spannungen oder kriegerischer Auseinandersetzungen um Taiwan drohen könnten. So haben einige Pharmakonzerne wieder damit begonnen, Grundstoffe und Wirkstoffe von patenfreien Arzneimitteln verstärkt in Eigenregie in europäischen Produktionsstätten zu produzieren. Auch hat der österreichische Staat zusammen mit einem Pharmakonzern dafür gesorgt, dass Penicillin-Antibiotika für den europäischen Bedarf langfristig in Österreich produziert werden. Diese ersten Beispiele zeigen, dass Verantwortliche aus Industrie und Politik das Problem erkannt haben und gewillt sind, wichtige Arzneimittelgruppen wieder in Europa zu produzieren. Natürlich kann das nicht zu Preisen geschehen, die in einigen asiatischen Ländern möglich sind. Deshalb ist es wichtig, Wirkstoffe und Arzneimittel länderübergreifend für den gesamten europäischen Raum zu produzieren, um über die Menge die Zusatzkosten in Grenzen zu halten. Nach Berechnungen einer Unternehmensberatung könnten so für die Produktion von bestimmten Antibiotika die Mehrkosten erheblich reduziert werden.

Versorgungssicherheit rechtfertigt höhere Preise

Allerdings, auch das ist das Ergebnis der Berechnungen, wird die Kostenreduktion in Europa nicht ausreichen, um das Preisniveau asiatischer Hersteller zu erreichen. Hier könnte eine Art „Europe First“ hilfreich sein. So könnten alle in Europa hergestellten Arzneimittel bei den Rabattverhandlungen der Krankenkassen mit den Herstellern mit einem Bonus versehen werden, der die Wettbewerbsfähigkeit dieser Medikamente zur asiatischen Konkurrenz sicherstellt. Bei rezeptfreien Arzneimitteln könnte eine Aufklärungskampagne den Verbraucher motivieren, gezielt Medikamente aus europäischer Herstellung nachzufragen.

Fazit: Die Corona-Pandemie war für viele ein Schock, der einige Fixpunkte der medizinischen Versorgung und des globalen wirtschaftlichen Handelns ins Wanken gebracht hat. Dazu gehört auch der Glaube, dass mit weltweit vernetzten Lieferketten zu jeder Zeit die Versorgung der europäischen Bevölkerung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten sichergestellt werden kann. Um für zukünftige Krisen gerüstet zu sein, die auch wegen zunehmender Spannungen zwischen westlichen Demokratien und Autokratien wahrscheinlicher werden, sollte auf europäischer Ebene die Produktion kritischer Arzneimittel sichergestellt werden. Auch um den Preis, dass für Krankenkassen und Verbraucher Mehrkosten entstehen könnten.