Wie funktionieren Desinfektionsmittel?

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Desinfektionsmittel sind in den vergangenen Monaten ein großes Thema. Doch gerade deshalb bleibt auch viel Spielraum für Fragen: Sind alle Desinfektionsmittel gleichermaßen für verschiedene Zwecke geeignet? Welche Unterschiede existieren? Birgt der Einsatz von Desinfektionsmitteln auch Gefahren?

Hautdesinfektion

Die Desinfektion von Haut dient der Entkeimung bestimmter Stellen, vor allem der Eliminierung von Bakterien, aber auch von Viren und Pilzen. Eine Notwendigkeit ergibt sich im normalen Alltag – medizinisches Personal ausgenommen – nur selten. Sie entsteht aber vor medizinischen Eingriffen aller Größenordnungen – von der Impfung bis hin zu Operation. Auch für Menschen mit Immunschwäche, beispielsweise durch eine Infektion mit HIV, eine Organtransplantation oder eine Krebsbehandlung, ist Desinfektion lebenswichtig.

Eine weitere Ausnahme bilden Extremsituationen, beispielsweise die Pandemie durch Corona. In dem Fall entsteht ein großer gefühlter Bedarf, vor allem die Hände häufig zu desinfizieren. Tatsächlich sinnvoll ist das jedoch nur, wenn keine Waschmöglichkeit zur Verfügung steht – ansonsten ist gründliches Händewaschen vollkommen ausreichend. An Hautdesinfektionsmittel werden wesentlich höhere Ansprüche gestellt als an solche für andere Zwecke. Denn sie müssen nicht nur zuverlässig Keime abtöten, sondern auch vollkommen unbedenklich für die Haut selbst sein und deren empfindliches Gleichgewicht nicht zu sehr stören. Das gilt auch für den Einsatz bei Kindern, Menschen mit Erkrankungen und für die häufige Nutzung.

Flächendesinfektion

Die Desinfektion von Flächen ist in gesundheitlichen Notlagen wie Pandemien notwendig. Doch auch harmlosere Umstände, beispielsweise ein Auftreten des hartnäckigen Norovirus, machen die Desinfektion von kritischen Flächen sinnvoll. Hinzu kommt, dass Umgebungen, in denen eine Keimübertragung wahrscheinlich oder besonders gefährlich wäre, regelmäßig desinfiziert werden, beispielsweise medizinische Einrichtungen, aber auch Betriebe, die mit Tieren oder tierischen Produkten arbeiten. Wenig hilfreich ist der Einsatz von Desinfektionsmitteln im großen Stil beispielsweise an öffentlichen Orten auf Wänden oder Böden. Eine Übertragung von Infektionen von diesen Stellen aus ist bei sachgerechter Nutzung insgesamt als sehr unrealistisch zu bewerten, daher dienen diese Maßnahmen normalerweise eher der Beruhigung.

Schwierig zu beurteilen ist der Nutzen beispielsweise bei Türklinken oder Griffen in der Öffentlichkeit. Zwar finden sich hier besonders viele Keime, da sie von sehr vielen Menschen berührt werden. Doch gerade deshalb ist eine Desinfektion bei weiter Verbreitung eines Keims wie Grippe oder Corona nicht unbedingt hilfreich: Das Objekt kann schon in der nächsten Minute wieder kontaminiert werden. Von Vorteil bei der Flächendesinfektion ist, dass effektivere Mittel genutzt werden können, die am menschlichen Körper nicht eingesetzt werden dürfen. Zu ihnen zählt beispielsweise höher konzentriertes Wasserstoffperoxid. Allerdings muss umso mehr auf gute Lüftung geachtet werden, denn einige der verwendeten Substanzen können die Atemwege schädigen.

Desinfektion von Material und Geräten

Die Desinfektion von Material und Geräten ermöglicht andere Methoden, vor allem physikalischer Art: Hitzefeste Gegenstände wie beispielsweise Operationsbesteck können in einem sogenannten Autoklaven bei gleichzeitiger Hitze und hohem Druck sterilisiert werden. Andere Objekte können durch Bestrahlung keimfrei gemacht werden. Hier sind jedoch auch die Ansprüche besonders hoch: Textilien, medizinisches Gerät oder Besteck und weitere Hilfsmittel, die direkt mit offenen Verletzungen in Kontakt kommen, müssen absolut sicher frei von schädlichen Mikroorganismen sein.

Wirkung auf Keime

Für die Desinfektion ist es essenziell, dass das Potenzial zur Keimabtötung größtmöglich ist. Wird nur ein Teil abgetötet, besteht die Gefahr von Resistenzen in den nächsten Generationen. Aus diesem Grund werden Mittel mit sehr basaler, breiter Wirkung solchen mit spezifischer Wirkung vorgezogen. Sie arbeiten auf Basis grundlegender Mechanismen der Zellzerstörung, die nicht selektiv sind. Das liegt auch daran, dass eine Wirkung gegen sehr verschiedene Organismen gerichtet sein soll: Bakterien, Viren und einige Pilze. Die Substanzen machen für gewöhnlich keinen Unterschied zwischen erwünschten, unerwünschten und als neutral zu betrachtenden Mikroorganismen. Je nachdem, wo ein Desinfektionsmittel eingesetzt werden soll, muss es zudem über besondere Eigenschaften verfügen. Zu diesen gehören beispielsweise Hitzestabilität, Ungefährlichkeit für Menschen, Farblosigkeit, Schmerzlosigkeit bei Wundkontakt, Verträglichkeit mit Lebensmitteln, bestimmten Materialien oder Medikamenten. Deshalb stellt die Entwicklung neuer, sicherer Desinfektionsmittel eine Herausforderung dar, obschon viele Stoffe an sich keimtötend wirken.

Beispiele für Desinfektionsmittel

Es existieren viele unterschiedliche Desinfektionsmittel, die ihre jeweils eigenen Vor- und Nachteile aufweisen. Beispiele sind Ethanol, Propanol oder Wasserstoffperoxid, die je nach Konzentration sowohl an Menschen als auch zur Sterilisation von Flächen oder Geräten eingesetzt werden können. Nahezu ausschließlich in Kontakt zum menschlichen Körper werden jodhaltige Salben oder Octenidindihydrochlorid genutzt, wobei sich letzteres auch für den Gebrauch auf Schleimhäuten eignet. Einige ätherische Öle wie Teebaumöl, Lavendel oder Nelke wurden in geringeren Konzentrationen zur Entkeimung eingesetzt, die Studien hierzu sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Chlor hingegen wird nur für Flüssigkeiten oder Flächen eingesetzt, da es rasch gesundheitsschädlich wirken kann.

Gefahren

Beim Einsatz von Desinfektionsmitteln – insbesondere wenn sie zweckentfremdet genutzt werden – kann es zu einigen Problemen kommen. Durch für den Kontakt mit menschlicher Haut und Schleimhaut ungeeigneten Desinfektionsmitteln wie höhere Konzentrationen von Wasserstoffperoxid oder ätherischen Ölen entstehen schwere Reizungen und teilweise ernsthafte Verätzungen. In den Augen können diese bis zur Erblindung führen. Auch allergische Reaktionen kommen vor, sogar bei bestimmungsgemäßem Gebrauch. Einige Desinfektionsmittel, wie Alkohol, führen bei häufigem Gebrauch zur Austrocknung der Haut. Werden Desinfektionsmittel für Flächen oder Geräte ohne ausreichende Belüftung angewendet, sind ernsthafte Schäden der Atmungsorgane möglich. Wenig bekannt ist, dass sehr häufige Verwendung von Desinfektionsmitteln Resistenzen fördern kann. Das ist zwar wesentlich seltener als bei Antibiotika, da sie auf grundlegendere Strukturen der Keime abzielen, aber nichtsdestotrotz möglich. Zudem sind Umweltschäden möglich, da auch empfindliche Mikroorganismen in ihrer natürlichen Umgebung, beispielsweise in Gewässern, durch desinfizierende Substanzen Schaden nehmen.